Gockels epische Wallenstein-Inszenierung verbindet Schiller mit Prigoschins Schattenarmee
Klaus-Michael JopichGockels epische Wallenstein-Inszenierung verbindet Schiller mit Prigoschins Schattenarmee
Jan-Christoph Gockels kühne Inszenierung von Schillers Wallenstein am Münchner Kammerspiele dauerte sieben Stunden. Die Produktion verband Krieg, Macht und Liebe mit schwarzem Humor und zog dabei aktuelle Parallelen zum russischen Söldnerführer Jewgeni Prigoschin. Ein prägendes Element war der Einsatz einer Marionettenvorrichtung, die den gelähmten Körper des Hauptdarstellers Samuel Koch – in der Titelrolle – zum Leben erweckte.
Der Abend begann mit einer performativen Vorlesung des russischen Künstlers Sergei Okunev, der auch als dramaturgischer Assistent fungierte. Mit spielerischem Ton zog er Verbindungen zwischen Prigoschins Wagner-Gruppe und Wallensteins Söldnern. Mittels Fotos, Filmausschnitten und Live-Kochsequenzen verglich er ihr gewaltsames Ende und griff dabei auf Harry Potter zurück, um Angst in Satire zu verwandeln.
Die Inszenierung selbst war ein weitläufiges Geflecht aus Schillers stark gekürztem Text und neuem Material. Prologe, Epiloge und Einschübe rahmten die Handlung ein, die in einem hoffnungsvollen Stück der Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch gipfelte. Das Ensemble kochte an einer langen Küchenzeile, während ihre Aktionen per Kamera übertragen wurden, bevor es in die Rollen von Soldaten und Bauern schlüpfte – ein Übergang, der jedoch abrupt und unterentwickelt wirkte.
Kochs Präsenz stand im Mittelpunkt, sowohl als lebendiger Darsteller als auch durch eine kleine Puppe, die von Michael Pietsch geführt wurde. Seine zurückhaltende Darstellung Wallensteins bildete einen Gegenpol zur chaotischen Energie um ihn herum. Die Marionettenvorrichtung, sparsam eingesetzt, ermöglichte es Kochs gelähmtem Körper, in unheimlichen, symbolträchtigen Gesten zu agieren – nur zwei Schritte und einige Armbewegungen nach sechs Stunden Spielzeit.
Der Titel der Produktion, Schlachtmahl in sieben Gängen, spiegelte ihre vielschichtige Erzählweise wider. Liebeszenen, wie die Romanze zwischen Wallensteins Tochter und Max Piccolomini, sorgten für komische Entlastung. Gleichzeitig lastete der eisige Wahlspruch der Wagner-Gruppe – "Unser Geschäft ist der Tod – und das Geschäft floriert" – bedrückend im Raum, besonders an dem Tag, an dem am Münchner Flughafen der zweite Drohnenalarm ausgelöst wurde.
Gockels Wallenstein verschmolz das Drama des 17. Jahrhunderts mit den Konflikten des 21. Jahrhunderts und nutzte dabei Satire, Puppenspiel und Multimedia, um Vergangenheit und Gegenwart zu verbinden. Die Länge und der Ehrgeiz der Inszenierung ließen manche Handlungsstränge offen, doch die mutige Bühnenbildung und Kochs Darstellung hinterließen einen bleibenden Eindruck. Die Parallelen zu Prigoschins Aufstieg und Fall verleihen der Geschichte eine drängende Aktualität.