Rita Süssmuths mutige AIDS-Aufklärung prägte eine ganze Epoche
Rita Süssmuth schrieb 1985 Geschichte als erste Bundesministerin für Jugend, Familie und Gesundheit. Die 1937 in Wuppertal geborene Pädagogikprofessorin stieg mit Unterstützung von Heiner Geißler in die Politik auf – einem Reformer, der die CDU über ihre traditionellen Strukturen hinaus modernisieren wollte.
Am 26. September 1985 legte sie ihren Amtseid ab und schloss mit den Worten "So wahr mir Gott helfe" – ein Bekenntnis zu ihrem tiefen katholischen Glauben. Obwohl ihr Ministerium über ein kleines Budget und wenig Potenzial für Kontroversen verfügte, wurde sie während der AIDS-Krise zu einer mutigen Stimme. Statt auf repressive Maßnahmen setzte sie auf Aufklärung, Forschung und Solidarität und nutzte dabei auch klare Begriffe wie Kondom, Samenflüssigkeit oder Analverkehr, um sichere Sexualpraktiken zu fördern.
Ihre sichtbarste Initiative war die Kampagne "Gib AIDS keine Chance" – eine Millionen schwer geförderte Aktion mit TV-Spots, Plakaten und Druckmaterialien, die Sexualität enttabuisieren und den Kondomgebrauch propagieren sollte. Doch Süssmuth ging es um mehr als Aufklärung: 1988 richtete sie das AIDS-Zentrum beim Bundesgesundheitsamt ein, um Diagnostik und Erfassungsmethoden zu verbessern. Schon ein Jahr zuvor hatte sie die Deutsche AIDS-Stiftung gegründet und Selbsthilfegruppen, Spritzentauschprogramme sowie strukturelle Prävention gefördert – stets im Zeichen des Dialogs statt der Unterdrückung.
1988 wechselte sie als Bundestagspräsidentin in eine neue Rolle und begleitete die Institution während des Umzugs von Bonn nach Berlin. Mit ihrer ausgeglichenen Art und ihrer Fähigkeit, Brücken zwischen Lagern zu schlagen, prägte sie das Amt ein Jahrzehnt lang und genoss über Parteigrenzen hinweg Respekt. Ihr politischer Stil verband inhaltliche Tiefe mit Pragmatismus, geprägt von Werten wie Mitgefühl und Fürsorge, die ihr öffentliches Wirken bestimmten.
Süssmuths Amtszeit hinterließ bleibende Spuren in der deutschen Gesundheitspolitik und der Parlamentsführung. Ihre AIDS-Kampagnen veränderten den gesellschaftlichen Diskurs, während ihre Präsidentschaft dem Bundestag in einer Phase des Umbruchs Stabilität verlieh. Als sie 1998 zurücktrat, galt sie als eine der angesehendsten Politikerinnen des Landes.