Kratzers radikale Neuinszenierung von Schumanns Paradies und die Peri polarisiert Hamburg
Egbert PeukertKratzers radikale Neuinszenierung von Schumanns Paradies und die Peri polarisiert Hamburg
Robert Schumanns selten aufgeführtes Oratorium Das Paradies und die Peri feierte am 27. September 2025 an der Hamburgischen Staatsoper seine Neuinszenierung in der Regie des neuen Intendanten Tobias Kratzer. Die Produktion interpretiert das Werk aus den 1840er-Jahren mit mutigen theaterischen Entscheidungen neu – darunter den Bruch der vierten Wand und die Einflechtung moderner Themen wie Rassismus und ökologischer Kollaps.
Das Oratorium, basierend auf einer orientalischen Erzählung aus Thomas Moores Lalla Rookh, begleitet Peri, ein engelhaftes Wesen auf der Suche nach einem Geschenk, das ihr den Eintritt ins Paradies ermöglicht. Schumann und sein Librettist Emil Flechsig schufen das Stück in den frühen 1840er-Jahren, doch Kratzers Inszenierung rückt es in die Gegenwart. Seine Produktion teilt das Werk in drei Mini-Dramen auf, die jeweils drängende Fragen aufwerfen: Im dritten Akt spielen Kinder unter einem von Smog erstickten Industrieschlot – eine deutliche Anspielung auf die Klimakrise.
Auch Rassismus wird in der Inszenierung direkt thematisiert. Ein sterbender schwarzer Jugendlicher widersetzt sich einer Figur auf der Bühne, was in einem kollektiven Mord gipfelt – eine Szene, die starke Reaktionen auslöste. Ein Zuschauer rief "Buh!" und verließ während der Aufführung den Saal. Unterdessen kletterte die Sopranistin Vera-Lotte Boecker, in der Rolle der Peri, über die Zuschauerreihen, setzte sich neben einen weinenden Mann und erweiterte so die emotionale Wirkung der Handlung über die Bühne hinaus.
Kratzers Regie setzt auf immersive Techniken: Bewegliche Kameras projizieren Kommentare, die Grenze zwischen Darstellern und Publikum verschwimmt. Trotz vereinzelter Buh-Rufe endete die Premiere mit jubelndem Applaus für Regisseur und Ensemble. Die Produktion ist Teil einer umfassenden Spielzeit an der Staatsoper, zu der im Februar auch die Uraufführung von Monsters Paradise gehört – eine neue Musiktheater-Kollaboration von Olga Neuwirth und Elfriede Jelinek.
Die Premiere markiert einen prägenden Moment in Kratzers Amtszeit an der Hamburgischen Staatsoper. Seine Deutung von Schumanns Oratorium verbindet Erzähltradition des 19. Jahrhunderts mit der Dringlichkeit des 21. Jahrhunderts – von rassistischer Ungerechtigkeit bis zur ökologischen Zerstörung. Die provokante, gleichermaßen polarisierende wie gefeierte Inszenierung gibt den Ton an für die kommenden kuratierten Abende des Hauses.






